Nature Writing Evergreen No. 5 |“…ich hatte nicht mehr das Gefühl ein Mensch zu sein, sondern nur noch Empfangsstation für eine Reihe übermächtiger Transmissionen…“

„Auslöschung“ ist der erste Teil der Southern-Reach-Trilogie des US-amerikanischen Autors Jeff VanderMeer. Der Roman ist ein wuchtiger, fulminanter Text, der sich allenthalben an der Frage abarbeitet, wie das Verhältnis des Menschen zur übrigen Natur zu denken ist bzw. wie dieses Verhältnis besser nicht verstanden werden sollte. Erzählt wird die Geschichte einer namenlosen Biologin, die als Teil einer Expedition in ein merkwürdig verändertes Areal an der amerikanischen Küste geschickt wird, das von einer sich langsam ausbreitenden, membranartigen Grenze umgeben ist. Was sie dort vorfindet, sprengt alle Vorstellungskraft. Weiterlesen

Nature Writing Evergreen Nr. 4 |“…ich werde darunter leiden, solange irgendein Geschöpf lebt, das mir anvertraut ist.“

Marlen Haushofers Roman „Die Wand“ habe ich vor vielen Jahren zum ersten Mal gelesen, kurz vor dem Abitur. Er gehört zur kleinen Gruppe jener Bücher, die ich tatsächlich ohne Pause, ohne jede Unterbrechung am Stück durchgelesen habe. Ohne dass ich ihn damals bereits auf dem „tierphilosophischen Auge“ wahrgenommen hätte, ist er mir heute genau deswegen erneut in die Hand gefallen, und genau betrachtet lenkt bereits die dtv-Ausgabe, die Franz Marcs „Tierschicksale“ auf dem Cover hat, den Blick in diese Richtung. Weiterlesen

Wenn der Sonnenuntergang nach Curry schmeckt. Mein Couscous-Salat Nr. 1

Wenn immer es unser Zeitplan erlaubt, fahren wir an die See, bevorzugt zu unseren niederländischen Nachbarn. Ganz oft ist dann eine Schüssel (ich scheue mich hier davor, von „Eimer“ zu sprechen, aber auch das wäre ob der Menge nicht ganz verkehrt…) dieses herrlichen Salats dabei. Man braucht nur ein paar Schälchen, etwas Besteck und schon geht es los. Weiterlesen

„Omnis mundi creatura“ – Über die poetisch-metaphorische Natur der Schmetterlinge

Schachbrett, Schornsteinfeger, Waldbrettspiel, Kleiner Fuchs, Tagpfauenauge – der Blick in biologische Taxonomien zeigt, dass gerade die Schmetterlinge, die jetzt im Spätsommer noch einmal besonders aktiv sind, mit einigen eigenartigen Namen versehen wurden: Ihre Namen verweisen auf so wenig schmetterlingsartige Dinge wie Brettspiele oder Schornsteinfeger, aber auch auf andere Tiere wie den Pfau oder Fuchs. In Naturkunde-Museen wird man nicht auf derartige Formen „uneigentlicher“ Benennung stoßen – die getöteten und durchstochenen Tiere tragen dort immer nur ihre kalten, latinisierten Bezeichnungen. Weiterlesen

Wenn Kaffee allein nicht reicht. Über die schönste (und schnellste) Veredelung des Spätsommers

Unmerklich geht der Spätsommer in den Herbst über. Die Tage werden kürzer, man spielt schon mit dem Gedanken, die Pflanzen vom Balkon zu nehmen, weil die Nächte kühler werden. Eine gewisse Herbstmelancholie stellt sich ein – und die gilt es zu zelebrieren. Wir tun das, indem wir seit einiger Zeit wieder intensiv die Hallenbäder der Umgebung abklappern. Wenn wir dort unsere Bahnen ziehen, wird mir klar, welcher geheime Luxus darin besteht, ganze Bäder für wenige Euro fast ganz für sich zu haben. Das Wasser kostet Kraft, und die holt man sich im Anschluss zurück. Zum Beispiel mit diesen Marzipan-Keksen, die selbst den besten Kaffee nochmal aufwerten. Weiterlesen

Das Ende einer Sommerliebe. Über die kulinarische Tragik der Avocado

Ich gestehe es: Für die Avocado und mich gibt es kaum noch Hoffnung. Wir trennen uns, vorläufig zumindest. Ihre miese Öko-Bilanz geht mir gehörig auf die Nerven. Deswegen heute vorerst ein letztes Rendezvous, kurz und schmerzlos, aber herzzerreißend: Eine angebratene Avocado mit Cayennepfeffer und Grapefruit-Filet an Rucola. Weiterlesen

Was zieht uns so sehr zur See? Über die Begegnung mit dem Meer und ein Leben in Widersprüchen

Die Hunde ahnen etwas. Der Weg durch die Dünen, vielleicht der ungewohnt körnige Untergrund, das leichte Einsinken mit jedem Schritt: Etwas hat sich verändert, seit wir das Auto verlassen haben, zuletzt festen Boden unter den Füßen hatten. Die Hunde ahnen etwas, und dieses Etwas kündigt sich von Ferne an. Das Meer, das ist zu allererst Widerstand, das plötzliche Drehen einer Windböe, das Ankämpfen gegen die Gischt, dort nicht Atmen zu können, wo die Luft doch am besten scheint. Salz in den Haaren, in den Augenwinkeln feinster Sand. Weiterlesen

Nature Writing Evergreen No. 3 | „Alles geht durcheinander, man kann diesen Begriff ‚Natur‘ eigentlich nicht verwenden.“

Vielleicht ist dem, was philosophisch so beladen mit Bedeutung ist wie der Begriff der Natur, nur noch literarisch angemessen nachzukommen. Anders kann man es wohl nicht erklären, dass dieser „Versuch über Natur“ einerseits so knapp (keine 130 Seiten) und dennoch ausgesprochen feinsinnig, regelrecht poetisch ausfällt. Die Lektüre ist zunächst ungewohnt, da eine traditionelle Lesehaltung, die auf eine klare Systematik oder eine Storyline aus ist, systematisch enttäuscht wird. Es sind Fragmente, kurze Beobachtungen, Dialoge, Kurzessay, die gerade in ihrer Unverbundenheit ein rundes Bild formen. Auch muss sich der Lesende erst einmal an die fast schon betonte Langeweile gewöhnen, die sich bei genauerem Hinsehen als sehr angenehm herausstellt. Weiterlesen

Der aristotelische Zwetschgenkuchen. Einige kulinarische Erkundigungen über die antike Naturphilosophie (und ein Klassiker-Rezept)

Von einem lieben Nachbarn haben wir einen Korb Zwetschgen bekommen, und streng genommen gibt es dafür nur einen Verwendungszweck: Einen sauguten Zwetschgenkuchen. Man könnte dabei meinen, der Zwetschgenkuchen sei die moderne Rehabilitation der aristotelischen Naturphilosophie: Aristoteles hat bekanntlich behauptet, dass alle Dinge und Wesen auf ein Ziel hinstreben, das sie sich nicht selbst geben oder setzen können. Für moderne Ohren klingt solch ein metaphysisches Weltbild reichlich gewöhnungsbedürftig, aber der Zwetschgenkuchen beweist: Aristoteles hatte recht. Denn ganz offensichtlich gibt es nur ein Ziel für die Zwetschgen, und das ist dieser einmalige Kuchen. Woraufhin sollten diese hübschen, blauvioletten Früchte sonst hinstreben, wenn nicht in diesen Kuchen? Ob der gute alte Aristoteles wohl schon um dieses Rezept wusste? Weiterlesen