Nature Writing Evergreen No. 2 | „Der Ruf des Elfenbeinspechts war unvergesslich. Wenn er verletzt war, klang sein Schrei wie der eines Kindes.“

Was passiert wenn eine Tierart verschwindet, wenn sie tatsächlich für immer ausstirbt? Der vielfach ausgezeichnete kanadische Journalist Terry Glavin ist auf die Suche gegangen nach jenen Geschichten, die das Unwiederbringliche festzuhalten suchen, nach Tieren, die kurz vor dem Aussterben stehen, aber auch nach den Geschichten jener Menschen, die gegen das unbemerkte oder ganz einfach ignorierte Artensterben ankämpfen:

„Wir wissen, dass wir derzeit ein Artensterben erleben, wie es die Erde in den vergangenen 440 Millionen Jahren nur fünf Mal gesehen hat. Der Einfachheit halber nennen wir diese Phasen das ordovizische, das devonische, das permische (das verheerendste von allen), das triassische und das kretazeische (bei dem die Dinosaurier verschwanden) Artensterben. Von fossilen Funden wissen wir auch mit einiger Sicherheit, dass der gegenwärtige Artenreichtum möglicherweise doppelt so groß ist wie zu irgendeinem anderen Zeitpunkt in der Geschichte des Lebens auf der Erde. Angesicht der zunehmenden Geschwindigkeit, mit der Arten heute aussterben, ist dieses Wissen allerdings nur ein geringer Trost.“ (49)

„Warten auf die Aras“ besteht aus insgesamt acht unterschiedlich langen Essays, in denen Glavin auch von drastischen, aber angemessenen Einschätzungen nicht zurückschreckt. Das Artensterben ist für ihn eine überwiegend menschengemachte „ethnische Säuberung“, deren Konsequenz eine kulturelle Verarmung dieser Welt bedeutet. Immer wieder zeigt er, dass die unterschiedlichen Formen des Aussterbens der Arten miteinander zusammenhängen. Nicht allein ökologische Gründe kommen unter die Lupe, auch kulturelle Veränderungen oder politische Machtwechsel kommen als Gründe zur Sprache. Vom Riesenalk, über den Dodo bis hin zum „Herrgottsvogel“ ist „Warten auf die Aras“ auch ein Vermächtnis an die unzähligen ausgestorbenen Tiere, die hier wenn auch nur für kurze Zeit literarisch wiederauferstehen. Glavins Blick ist, wo auch immer er hinfällt, ausgesprochen liebevoll, ihm geht die kalte Attitüde eines Naturwissenschaftlers völlig ab. Gerade das macht seine Berichte besonders lesenswert, und ganz nebenbei lernt man eine Menge dazu.

Terry Glavin: Warten auf die Aras. Geschichten aus dem Zeitalter des Verschwindens, Frankfurt/M.: Zweitausendeins 2008.

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