Nature Writing

Vom Glück, mit (geretteten) Hühnern zu leben

Schon längst wollte ich etwa zu unseren Hühnern schreiben. Aber wie es immer so ist, die Zeit ist knapp und Freizeit ist kaum in Sicht. Deswegen erzähle ich die Geschichte unserer sechs Hühner hier als kleine Bildergeschichte, die einen Einblick in das – mittlerweile – unendlich schöne Leben mit den sechs Grazien geben soll, die durch den Garten angerannt kommen, sobald sie das Quietschen des Gartentors hören….

Der Anfang, im Herbst letzten Jahres, sah gleichwohl noch anders aus:

Björn räumt die Fläche frei, die für den Stall vorgesehen ist
Zwei Stunden vor der Ankunft der Hühner – alles tipptopp! Naja, die Pflanzen müssen noch in die Erde…

Begonnen haben wir mit den Arbeiten (Stallbau, Gehege, Anrufe bei der Behörde, Kontakt mit „Rettet das Huhn“) Anfang September 2019, gezogen hat sich das Ganze dann, wohl auch aufgrund unserer begrenzten handwerklichen Künste (ohne Papa wäre es wie so oft nicht gegangen…), bis zu dem Tag, an dem dann die Hühner kamen. Zwei Tage vor Weihnachten war das, in diesem Fall also ein Sonntag, den ich mit kaum etwas anderem verbracht habe als mit nervösem Auf- und Ab-Gerenne: Sind die Transportboxen für die Übergabe vorbereitet? Müssen noch letzte Änderungen im Stall vorgenommen werden? Überhaupt war das alles für uns sehr aufregend, und doch stand diese Aufregung wohl in keinem Vergleich zu dem, wie dieser Tag für die Hühner gewesen sein muss. Als wir sie dann am späten Nachmittag erhielten (inkl. einer Einweisung zum Anziehen der Hühnerpullover durch die liebe Irene von „Rettet das Huhn“), hatten die Hennen nicht nur einen strapaziösen Tag des Transports hinter sich, sondern vor allem auch ein Leben, das diesen Begriff kaum verdient. Zusammengepfercht mit 3000 anderen Hennen, im Halbdunkeln, ohne Frischluft und auf Metallstangen, in einer sog. „Bodenhaltung“. Eigentlich wären sie an diesem Tag „entsorgt“ worden, weil die Tierindustrie für die gerade einmal ein Jahr alten Tiere keine Verwendung mehr hat: Sie hat sie bis auf die Knochen ausgebeutet, und sobald dieser Zeitpunkt erreicht ist, bestellt der sog. Landwirt dann einen Schlachttransport – für die Tiere bedeutet das, dass sie von Mindeslohn-Kräften zusammengetrieben, an den Beinen gegriffen, gewaltsam in Kisten gepackt und über Stunden zu einem Schlachthof gefahren werden, der meist im europäischen Ausland liegt. Dort „entpackt“, hängt man die vom stundenlangen Transport ausgehungerten und durstigen Tiere kopfüber an ein Laufband, das durch ein Wasserbad fährt, das man unter Strom setzt. Danach werden die Tiere gekocht oder geschreddert, wer also der Betäubung durch den Strom entgeht (was mitunter passiert, wenn die Tiere sich ein letztes Mal aufbäumen), erlebt diese Qual bei vollem Bewusstsein. Unsere Hennen sollten diesem Schicksal entgehen, aber ich denke auch an all jene Millionen oder wohl eher Myriaden Tiere, die nicht so leben können, wie sie es verdient haben, weil immer noch haufenweise Menschen glauben, man müsse auf Teufel komm raus Eier essen.

der erste Tag im neuen Stall – das erste Mal Stroh & Heu, und Futter ohne Ende
Die Hühnerpullis waren sehr unbeliebt und jede Chance wurde genutzt, sich ihrer zu entledigen…

Nun ja, wer meint, dass mit der Übergabe der allermeiste Stress endlich passé gewesen wäre, irrt sich (ich habe das jedenfalls so oder ähnlich geglaubt…). Natürlich war uns klar, in welchem Zustand die Tiere sein würden; welche Auswirkungen das auf unseren Tagesablauf haben würde, war aber zunächst nicht so klar. Natürlich haben die wir die Hennen erstmal ankommen lassen, haben sie gefüttert und ihnen zu Trinken gegeben – und ihnen – immerhin war es trotz eines relativ warmen Dezembers recht kalt für die teilweise unbefiederten Tiere – die feschen Pullis angezogen, was sie selbst gar nicht so toll fanden. Die winzigen, ausgemergelten und spindeldürren Körper in den Händen zu halten, war für nicht leicht. Der Eindruck des herausstehenden Brustbeins, das sich beim Halten der Hühner in die eigenen Handinnenflächen drückt, bleibt mir wohl für immer in Erinnerung. Damals hätte ich nicht wirklich damit gerechnet, dass diese geschundenen Wesen, die trotz ihres Zustandes ganz im Takt ihrer grausamen Überzüchtung jeden Tag ein Ei legen, einmal derart lebensfroh durch den Garten laufen würden.

Am nächsten Tag haben wir sie dann ihr Gehege erkunden lassen, was zunächst aber daran scheiterte, dass die Hühner ihren Stall gar nicht verlassen wollten. Kein Wunder, haben sie doch bislang noch nie zuvor das Leben unter freiem Himmel kennengelernt. Irgendwann war der Mut dann doch größer, und sie haben sich über die Hühnertreppe nach draußen gewagt.

Natürlich waren wir darauf vorbereitet, dass die Hühner zunächst ihre Rang- bzw. Hackordnung klären würden, was zunächst mal ein eher wenig schöner Vorgang für Beobachter ist. Was uns in seinem ganzen Ausmaß hingegen nicht klar war, betrifft die Angewohnheit der Hennen, die anderen Tiere zu „picken“ und mitunter einen regelrechten Kannibalismus zu entwickeln, was man den Tieren nicht verübeln kann, wenn man weiß, dass sie dort, wo sie herkamen, systematisch unterernährt wurden: Für den „Landwirt“ genügte es vollkommen, wenn ein Großteil der Tiere, die ansonsten bis zu 12 Jahre alt werden könnten, das erste Jahr überstehen würde – in welchem Zustand sie waren, spielt für die Industrie keine Rolle. Auf diese Weise, durch das „Picken“, das vielleicht harmlos klingt, aber eine ernsthafte Gefahr ist, haben wir innerhalb der ersten drei Wochen zwei Hennen verloren. Sie sind von den anderen am frühen Morgen totgepickt worden, und für uns war es sicher der Tiefstpunkt, diese beiden Tiere beerdigen zu müssen, die ihr Leben in Freiheit gerade erst erlangt hatten und dann einen derart grauenvollen Tod gestorben sind.

Auch für unsere Hunde war es eine neue Erfahrung: Plötzlich leben Hühner im Garten! Abigail ist nach wie vor sehr angetan….
Die schönsten Momente, für alle Beteiligten: Ein Sonnenbad im frühsten Frühjahr, etwas Entspannung.
Der Garten wird inspiziert…

…fast voll befiedert, ein Wahnsinn!
Man(n) hilft bei der Gartenarbeit…
…erste Flugübungen
…ein Bild vom Juni/Juli: Der morgendliche Weg durch den Garten

Wenn ich heute die Bilder vom Dezember und Januar sehe, ist es selbst für mich schwer zu begreifen, dass die im Garten vagabundierenden Hühner jene ausgemergelten und dürre Tiere mit den viel zu großen, meist blassen Kämmen waren. Ich bin so stolz, dass sie es geschafft haben, allen Grausamkeiten zum Trotz, die Menschen ihnen bereitet haben. Anfangs war ich – ganz tierretterisch 😉 – davon überzeugt, dass diese Tiere die Opfer einer bestialischen Industrie seien, aber mit dem ersten Tag an haben die Hühner mir sehr schnell klar gemacht, dass sie zumindest nicht nur Opfer sind. Sie sind sehr lebendig, sie wollen leben, und sie wehren sich gegen das, was man ihnen antut. Eine meiner ersten Erfahrungen war ein Hühnerbiss – nicht wirklich schmerzhaft, aber ein Signal, dass da ein Subjekt ist, das nicht einfach nur passiv erträgt, was man mit ihm – zum Guten wie zum Schlechten – tut. Heute merke ich das vor allem an der Reaktion der Hühner, wenn ich sie manchmal in ihr Gehege sperren muss, was sie überhaupt nicht mögen. Sie stehen dann innen am Gitter, wollen in den Garten und schreien (und zwar verdammt laut…). Es ist das gleiche Schreien wie jenes, was wir von den tausend gefangenen Tieren in den scheußlichen Industriehallen hörten, ein Aufschrei gegen ihre Gefangenschaft, der jedoch kaum gehört oder als bloßes Hühnergackern abgetan wird.

Nun ja, es gäbe noch so viel zu erzählen – demnächst mehr über zwei Neuzugänge, die wir im März aus einer Tierrettung, bei der auch ich beteiligt war nach Hause genommen haben – mein Erstkontakt mit einer sog. Bodenhaltung…

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