Was zieht uns so sehr zur See? Über die Begegnung mit dem Meer und ein Leben in Widersprüchen

Die Hunde ahnen etwas. Der Weg durch die Dünen, vielleicht der ungewohnt körnige Untergrund, das leichte Einsinken mit jedem Schritt: Etwas hat sich verändert, seit wir das Auto verlassen haben, zuletzt festen Boden unter den Füßen hatten. Die Hunde ahnen etwas, und dieses Etwas kündigt sich von Ferne an. Das Meer, das ist zu allererst Widerstand, das plötzliche Drehen einer Windböe, das Ankämpfen gegen die Gischt, dort nicht Atmen zu können, wo die Luft doch am besten scheint. Salz in den Haaren, in den Augenwinkeln feinster Sand.

Die Hunde ahnen etwas. Weil sie schon einmal hier waren, am Meer. Weil ihre Vorfahren auch die Strände der Kontinente bevölkerten. Wir glauben heute oft, dass der Urlaub am Meer eine Art ist, zentrifugal zu reisen: Man bewegt sich aus dem Zentrum, aus der Stadt, fort an die Ränder der Welt, eine regelrechte Flucht. In Wirklichkeit kommen wir immer auch zum Meer zurück, wir reisen zentripetal zu einem anderen Zentrum zurück.

Das ist auch der Grund, warum das Meer gleichermaßen anziehend wie erschreckend banal auf uns zu wirken vermag. Wir finden dort nur das, was wir schon kennen, aber dennoch eigentümlich verwandelt. Der eigene Atem, vielleicht noch angestrengt vom Weg durch die Dünen, schlägt uns dort entgegen: Das Wasser der Gezeiten wiederholt ein permanentes Ein- und Ausatmen, ein Vor- und Zurückziehen, Konzentration und Diffusion. Eine solche Anhäufung von Widersprüchen findet man kaum irgendwo anders. Vielleicht erleben wir das Meer, während wir unsere Runden über den Strand ziehen, nur deswegen als eine große Einheit: Weil sie komponiert ist aus allen nur erdenklichen Widersprüchen. Goethe schrieb über Farben, dachte aber (so scheint mir) ans Meer:

„Treue Beobachter der Natur, wenn sie auch sonst noch so verschieden denken, werden doch darin miteinander übereinkommen, dass alles, was erscheinen, was uns als ein Phänomen begegnen solle, müsse entweder eine ursprüngliche Entzweiung, die einer Vereinigung fähig ist, oder eine ursprüngliche Einheit, die zur Entzweiung gelangen könne, andeuten und sich auf eine solche Weise darstellen. Das Geeinte zu entzweien, das Entzweite zu einigen, ist das Leben der Natur; dies ist die ewige Systole und Diastole, die ewige Synkrisis und Diakrisis, das Ein- und Ausatmen der Welt, in der wir leben, weben und sind.“

Was ist es, das uns so sehr ans Meer zieht? Die Hunde ahnen etwas, aber sie sagen nichts. Nichts hier ist weit und breit so ausgelassen wie sie, selbst die Möwen scheinen gemächlich. Die Hunde galoppieren über Myriaden von winzigen, bunten Muscheln hinweg, Zeugnisse eines unbeachteten Sterbens. Auch das ist das Meer, angespülte Fische, halbtot, Holzbaken, deren Ursprung unbekannt bleibt.

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