„Omnis mundi creatura“ – Über die poetisch-metaphorische Natur der Schmetterlinge

Schachbrett, Schornsteinfeger, Waldbrettspiel, Kleiner Fuchs, Tagpfauenauge – der Blick in biologische Taxonomien zeigt, dass gerade die Schmetterlinge, die jetzt im Spätsommer noch einmal besonders aktiv sind, mit einigen eigenartigen Namen versehen wurden: Ihre Namen verweisen auf so wenig schmetterlingsartige Dinge wie Brettspiele oder Schornsteinfeger, aber auch auf andere Tiere wie den Pfau oder Fuchs. In Naturkunde-Museen wird man nicht auf derartige Formen „uneigentlicher“ Benennung stoßen – die getöteten und durchstochenen Tiere tragen dort immer nur ihre kalten, latinisierten Bezeichnungen. Aber die alten Texte, ebenso unsere Umgangssprache kennen die Schmetterlinge sehr wohl noch unter ihren metaphorischen Bezeichnungen. Wer von einem Schmetterling sagt, er sei ein Fuchs, macht damit deutlich: Diese beschaulichen Tiere sind in gewissem Sinne reine Metaphern, tiergewordene Poesie. Ihre Namen tragen eine Bedeutung von einem Ursprungsbereich in einen weiteren Bedeutungsbereich. Und wer würde sich für eine derart dynamische, ständig wandelnde Tätigkeit (im Griechischen: metaphorein, d.h. hinübertragen) schließlich besser eigenen als der quirlige Schmetterling.

Heute ist man – nach der klassischen Sozialisierung durch Deutsch-LK & Co. – gern geneigt, Metaphern als „uneigentliche Rede“ zu charakterisieren. Man erwartet sie in Gedichten, aber doch eher nicht in der Natur. „Uneigentliche Rede“ heißt dabei auch: Die Metapher behauptet nichts wirklich Wahres, bestenfalls etwas indirekt Zutreffendes, das man dann das „tertium comparationis“ genannt hat. Wer so über Metaphern spricht, muss in den Schmetterlingsnamen stets jenen Punkt suchen, der den Schmetterling mit dem Ursprung seines Namens verbindet. Man mag auf diesem Weg etwa spekulieren, dass der „Schornsteinfeger“ diesen Namen aufgrund seiner Schwärze erhielt – sie bildet das tertium comparationis, den Vergleichspunkt zwischen dem „wirklichen“ Schornsteinfeger und dem „uneigentlichen“ Schornsteinfeger.

Die heutige Metapherntheorie verhält sich kritisch zu dieser Einschätzung, dass Metaphernsprache stets uneigentliche Sprache sei. Dabei entdeckt sie auch viele insbesondere mittelalterlichen Autoren und Quellen wieder, die noch ganz anders über den Stellenwert der Metapher nachgedacht haben. Wenn ich Schmetterlingen begegne, muss ich häufig an den mittelalterlichen Zisterzienser-Theologen Alanus ab Insulis (1128-1202) (oder auch: Alain de Lille) und dessen poetische „Sequenz der Rose“ denken, der Umberto Eco in seinem bekanntesten Roman zu literarischen Ehren verholfen hat: Omnis mundi creatura, quasi liber et pictura nobis est et speculum, so heißt es bei Alanus ab Insulis. Alle Kreaturen dieser Welt sind uns gleichsam ein Buch, ein Bild und ein Spiegel.

Omnis mundi creatura
quasi
liber et pictura
nobis est, et speculum.

Nostrae vitae, nostrae mortis,
nostri status,
nostrae sortis
fidele signaculum.

Er behauptet damit: Alle Wesen spiegeln sich gleichsam aneinander, in dem einen sehen wir zugleich immer etwas vom anderen; wir lesen uns gegenseitig, sind füreinander wie zu dechiffrierende Bilder. Diese Denkwelt träumt noch immer den nicht-ausgeträumten Traum von der „Lesbarkeit der Welt“, wie es Hans Blumenberg im 20. Jahrhundert in einem seiner bekanntesten Bücher titelgebend formulierte. Wer einen Schmetterling „Schachbrett“ nennt, der folgt in gewisser Weise diesem alten, aber durchaus nicht veralteten Denken. Keine Zahlenfolge, keine strenge biologische Klassifikation scheint es wert, den Namen des Schmetterlings zu stiften, sondern eben das, was man in ihm erkennt – letztlich etwas vom Namensgebenden selbst.

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