Nature Writing Evergreen No. 6 | „…dass die Tiere in gewissem Sinne verdienen, was sie bekommen.“

„Ein Philosoph, der behauptet, ob man zur menschlichen Rasse
gehört oder nicht, hängt davon ab, ob man weißer oder schwarzer
Hautfarbe ist, und ein Philosoph, der behauptet, ob man zur
menschlichen Rasse gehört oder nicht, hängt davon ab, ob man
Subjekt und Prädikat unterscheiden kann, haben für mich mehr
Gemeinsames als Unterscheidendes.“

(E. M. Coetzee, Das Leben der Tiere, 74)

Dieser Text stammt aus der Feder des südafrikanischen Autors mit dem unaussprechlichen Namen – J. M. Coetzee. Auf nicht einmal einhundert Seiten sprachgewaltigem Text entfaltet er die sich ins Unerträgliche steigernden Dimensionen an Unbehaglichkeit angesichts einer kaum zu beschreibenden Gleichgültigkeit des Menschen gegenüber den (anderen) Tieren. Der Band ist keine U-Literatur, die mal eben zum Einschlafen gelesen werden kann, sondern harte Kost und gut geeignet für eine anschließende, Tage andauernde Depression. Immerhin gibt es in der Erzählung mit Elisabeth Costello, der Protagonistin, eine letzte Insel verbliebener Vernunft, die sich ihre Werthaltigkeit auch angesichts der sie ständig umgebenden Unbarmherzigkeit bewahrt. Als Schriftstellerin ist sie unterwegs zu einem College-Besuch und übernachtet bei ihrem Sohn und dessen Familie. Ihre kritische, von allen normalisierten Konventionen abstandnehmende Denkweise stößt in der bürgerlichen Familie des Sohnes schnell auf Widerspruch. Einen weiten Teil der Erzählung nimmt die Vortragstätigkeit von Costello ein; in immer neuen Anläufen werden ihre Vorlesungen nahezu unkommentiert und gewissermaßen als „Skripte“ präsentiert. Sie alle ranken sich um ihr Herzensthema, die „Schilderung der Schrecken des Lebens und Sterbens“ der Tiere (12). Ausflüge in die Philosophiegeschichte werden hier literarisch ebenso unternommen wie Abstecher in hochkarätige Literatur – nicht ohne Grund hat der Fischer-Verlag Kafkas Erzählung „Bericht an eine Akademie“ im Anhang mit abgedruckt. Und auch das, was in der alltäglichen Konversation häufig und fälschlicher Weise als unzumutbar eingeschätzt wird – der Vergleich des milliardenfachen Tiermords mit dem Genozid der Nazis – wird unumwunden aufgegriffen. Ungewollte argumentative Unterstützung liefert ihr Sohn, der die vermeintlich exzentrischen Eskapaden seiner Mutter nicht mehr länger dulden will:

„Aber sie wollen keine vegetarische Ernährung. Sie essen gern Fleisch. Daran ist etwas atavistisch Befriedigendes. Das ist die brutale Wahrheit, dass die Tiere in gewissem Sinne verdienen, was sie bekommen. Warum willst du deine Zeit verschwenden und ihnen zu helfen versuchen, wenn sie sich nicht selbst helfen? Überlass‘ sie einfach ihrem Schicksal. Wenn man mich fragen würde, was die allgemeine Haltung gegenüber den Tieren ist, die wir essen, würde ich sagen: Verachtung. Wir behandeln sie schlecht, weil wir sie verachten; wir verachten sie, weil sie sich nicht wehren.“ (64)

Einen Kompromiss finden beide in der Frage selbstredend nicht. So ist es letztlich auch die Enttäuschung über die eigene Familie, die Costellos ebenso bedrückendes wie wahres Schlusswort einleitet:

„Dass ich nicht länger weiß, wo ich mich befinde. Es hat den Anschein, als bewegte ich mich völlig ungezwungen unter den Menschen, als hätte ich völlig normale Beziehungen zu ihnen. Ist es denn möglich, frage ich mich, dass sie alle an einem Verbrechen unvorstellbaren Ausmaßes teilhaben? Phantasiere ich mir das alles zusammen? Ich muss wohl verrückt sein! Aber täglich sehe ich die Beweise. Eben die Leute, die ich verdächtige, liefern mir den Beweis, stellen ihn zur Schau, bieten ihn mir an. Leichen. Leichenteile, die sie mit Geld gekauft haben. Es ist, als würde ich Freunde besuchen und eine höfliche Bemerkung über die Lampe in ihrem Wohnzimmer machen, und sie würden sagen: „Ja, sie ist nett, nicht wahr? Sie ist aus polnisch-jüdischer Haut gefertigt, wir finden, die ist beste Qualität, die Haut von polnisch-jüdischen Jungfrauen.“ Und dann gehe ich ins Bad, und auf der Seifenhülle steht: „Treblinka – 100% menschliches Stearin“. Träume ich, frage ich mich? Was ist das für ein Haus?“ (78)

J. M. Coetzee: Das Leben der Tiere, 3. Aufl., Frankfurt/M.: Fischer 2003.

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